Der Paukboden – was ist das eigentlich?

Wer das Wort Paukboden zum ersten Mal hört, denkt vermutlich an das Schlagzeug oder die Pauke im Orchester. Damit hat dieser Raum jedoch nichts zu tun.

Als Paukboden bezeichnet man den Trainingsraum im Haus einer schlagenden Studentenverbindung – also einer Verbindung, deren Mitglieder das akademische Fechten mit scharfen Waffen pflegen, die sogenannte Mensur. Der Paukboden ist dabei so etwas wie die hauseigene Sporthalle: ein Ort zum Üben, Vorbereiten und Trainieren.

„Nicht auf dem Paukboden, sondern ein Leben lang." – So beschreiben Verbindungen den Sinn des gemeinsamen Trainings: Charakterbildung, nicht sportlicher Sieg.

Auf dem Paukboden hängt das Paukzeug – die gesamte Ausrüstung für Übung und Mensur: Schutzkleidung, Handschuhe, Paukbrille, Arm- und Halskrause sowie die Übungswaffen mit stumpfer Klinge. Ein charakteristisches Element ist das Phantom: eine Art Schaufensterpuppe oder Paukpuppe, die beim Training den zukünftigen Gegner ersetzt und an der die Fechtbewegungen eingeübt werden.

Der Paukboden ist damit Lager, Übungsraum und Begegnungsort in einem – ein zentraler Teil des Verbindungslebens, der nach außen kaum sichtbar ist.


Das Pauken – Training für die Mensur

Was auf dem Paukboden stattfindet, heißt schlicht: pauken. Gemeint ist das systematische Erlernen und Einüben des akademischen Fechtens. Das ist kein Hobby nebenbei – in pflichtschlagenden Verbindungen trainieren die aktiven Mitglieder täglich von Montag bis Freitag mindestens eine Stunde.

Wie läuft eine Paukstunde ab?

Das Training findet in der sogenannten Paukstunde statt, geleitet vom Fecht-Chargierten oder einem erfahrenen älteren Mitglied. Geübt wird mit stumpfen Klingen und vollem Schutzzeug. Wer neu in die Verbindung eintritt, braucht in der Regel anderthalb bis zwei Semester Paukunterricht, bevor er zur ersten scharfen Mensur zugelassen wird.

Jede Verbindung hat dabei ihre eigene Fechtschule – einen über Generationen weitergegebenen Stil, der das Fechten der Verbindung prägt und von Älteren an Jüngere weitervermittelt wird.

Was wird trainiert?

Im Mittelpunkt stehen Technik, Kraft und – weniger offensichtlich – innere Haltung. Denn die Mensur wird nicht nach Punkten gewertet. Entscheidend ist, dass der Fechter trotz möglicher Verletzung ruhig stehenbleibt und keine Angst zeigt. Das lässt sich trainieren – und genau dafür ist der Paukboden da.

Arten von Verbindungen

Nicht alle Verbindungen gehen gleich mit dem Mensurwesen um:

Typ Bedeutung
Pflichtschlagend Jedes Mitglied muss eine Mindestanzahl Mensuren fechten
Fakultativ schlagend Mensuren werden nur auf freiwilliger Basis gefochten
Nichtschlagend Keine Mensuren – aber Pauken (Übungsfechten) ist trotzdem erlaubt

Die Mensur – das Ziel des Paukens

Das Wort Mensur kommt vom lateinischen mensura – also Maß oder Abmessung. Gemeint ist damit seit dem 16. Jahrhundert der festgelegte Abstand, den die beiden Fechter während des Kampfes einhalten müssen. Heute bezeichnet die Mensur den Kampf selbst.

Eine Mensur ist ein traditioneller, streng reglementierter Fechtkampf zwischen zwei Mitgliedern verschiedener schlagender Studentenverbindungen – mit scharfen Klingen, also echten Waffen. Sie ist weder Sport noch Duell, hat aber Ähnlichkeiten mit beiden. Es gibt keinen Sieger und keinen Verlierer. Was zählt: aufrecht stehen, Haltung bewahren, nicht zurückweichen.

Wer ist dabei?

Eine Mensur ist keine Zweikampf-Veranstaltung zwischen zwei Leuten – sie ist ein organisiertes Ereignis mit klaren Rollen:

Rolle Aufgabe
Paukant Der fechtende Student selbst
Sekundant Begleiter und Betreuer des Paukanten, leitet die Partie mit
Unparteiischer Schiedsrichter, der keiner der beiden Verbindungen angehört
Paukarzt Approbierter Arzt, der anwesend sein muss und Verletzungen versorgt
Testant Prüft Regelkonformität und Klingenreinheit seines Paukanten
Schleppfuchs Stützt in den Pausen den Fechtarm des Paukanten
Protokollant Führt die Mensurkarte – das offizielle Protokoll der Partie

Was ist ein Schmiss?

Ein Schmiss ist eine Schnittverletzung im Gesicht, die durch einen Fechthieb entsteht – und die Narbe, die davon bleibt. Bis in die 1930er Jahre galten Schmisse unter Akademikern als Statussymbol; heute wird das völlig anders gesehen. Wer keinen Schmiss davonträgt, zeigt guten Fechtstil – denn Deckung und Technik sind das Ziel, nicht die Verletzung.

Was ist eine Abfuhr?

Wenn eine Mensur vorzeitig beendet wird – wegen einer zu schweren Verletzung, wegen Regelverstößen oder wegen unzureichender Haltung – spricht man von einer Abfuhr. Der unterlegene Paukant wird dann buchstäblich aus dem Saal geleitet. Aus dieser sehr konkreten Situation stammt die Redewendung, jemandem „eine Abfuhr zu erteilen".


Die Sprache – was von der Verbindung ins Alltägliche überging

Die Studentenverbindungen haben die deutsche Sprache nachhaltiger geprägt, als die meisten Menschen ahnen. Viele Wörter, die heute ganz selbstverständlich klingen, haben ihren Ursprung in der Verbindungssprache des 18. und 19. Jahrhunderts – entstanden auf dem Paukboden, in der Kneipe oder im Fechtsaal.

Hier eine Auswahl der bekanntesten Überläufer:

pauken
aus: Mensur-Training → Lernen
Ursprung: mittelhochdeutsches pûken = schlagen. Bis Mitte des 19. Jh. bezeichnete „pauken" die Mensur selbst – das Fechten mit scharfen Waffen. Dann verengte sich die Bedeutung auf das Training, und noch später auf das intensive Lernen für Schule und Studium.
Heute bedeutet es: Für eine Prüfung intensiv und ausdauernd lernen – „Vokabeln pauken".
Pauker
aus: Schülersprache, 17./18. Jh.
Vollform ursprünglich: Arschpauker oder Hosenpauker – wer zur Strafe auf den Hosenboden der Schüler einschlug wie auf eine Pauke. Daraus wurde schlicht der „Pauker" als umgangssprachliche Bezeichnung für den Lehrer.
Heute bedeutet es: umgangssprachlich: Lehrer (heute eher selten, aber noch bekannt).
Standpauke
aus: Studentensprache, ab 1781
In der Studentensprache wurde „pauken" auch im Sinne von „predigen" verwendet – das eindringliche Einschlagen auf jemanden mit Worten. „Stand" verweist auf die stehend gehaltene Rede. Die Kombination ergab die strenge Rüge.
Heute bedeutet es: eine nachdrückliche Scheltrede: „Er hielt mir eine Standpauke."
jemandem eine Abfuhr erteilen
aus: Mensur, 19. Jh.
Wenn ein Paukant die Mensur nicht bestand – wegen Verletzung, Regelverstößen oder mangelnder Haltung –, wurde er buchstäblich abgeführt, also aus dem Mensurlokal geleitet. Das Wort beschreibt eine sehr konkrete Handlung.
Heute bedeutet es: jemanden abweisen, zurückweisen – im Gespräch, bei Bewerbungen, in der Liebe.
Kneipe
aus: Studentensprache, 18. Jh.
Bezeichnete zunächst in der Studentensprache eine kleine, billige Schenke sowie die dort abgehaltene Trinkrunde. Auch das kleine Zimmer eines Studenten – seine „Bude" – hieß so. Das Wort selbst stammt wohl von kneipen = klemmen, als Bild für den engen, beklemmenden Raum.
Heute bedeutet es: allgemein: einfaches Wirtshaus, Bierlokal.
Schmiss
aus: Mensur-Sprache, 17. Jh.
Von schmeißen: Im 17. Jh. bezeichnete „Schmiss" einfach einen Hieb oder Schlag. In der Mensursprache des 19. Jh. wurde es zur Bezeichnung für die durch einen Fechthieb entstandene Schnittverletzung – und die bleibende Narbe.
Heute bedeutet es: Umgangssprachlich auch: Stil oder Schwung – „das hat Schmiss".
einen Anschiss erteilen
aus: Mensur-Sprache, 19. Jh.
Als Anschiss bezeichnete man eine Mensurwunde, die mindestens einen Zoll lang war und blutete – ein gravierender Treffer. Aus diesem sehr körperlichen Ursprung wurde eine Redewendung für ein heftiges, persönliches Rügen.
Heute bedeutet es: (derb) jemanden scharf zurechtweisen oder anbrüllen.
einpauken
aus: Studentensprache → Schulsprache
Direkte Ableitung vom studentischen „pauken" – zunächst das beharrliche Einüben von Fechttechniken auf dem Paukboden. Dann übertragen auf das Einschärfen von Wissen durch Wiederholung, auch: durch den Lehrer (den „Pauker").
Heute bedeutet es: etwas durch ständige Wiederholung einprägen – „jemanden etwas einpauken".
Die Studentensprache hatte ihre Blütezeit vom 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Viele ihrer Wörter sind längst Allgemeingut – ohne dass jemand noch an Mensur oder Paukboden denkt.